1987 hatten wir mit unserer Clique den Entschluss gefasst, dass ein Urlaub mit den Motorrädern in Spanien keine schlechte Idee wäre.

Ein entsprechender Urlaubsort unterhalb von Alicante war schnell gefunden und so nahm der Trip zügig Gestalt an. Die 1.760 km sollten auf zwei Tage verteilt kein Problem darstellen und so wurde vereinbart: Am ersten Tag ohne festes Ziel soweit es geht und am zweiten Tag gemütlich die restliche Wegstrecke zu unserem Urlaubsort.

Ich war als Scout eingeteilt mit meiner knapp fünf Monate alten CBR 600 und hatte mir eine Ortsliste mit Autobahnen auf den Tank geklebt die es in der Folge dann anzusteuern galt. Abgesehen von einem kleinen Fauxpas, der uns in fröhlicher Urlaubslaune aber nicht großartig störte, verlief auch alles nach Plan.

Ich war bei diesem Malheur etwas zu sehr ins Studium meiner Etappenliste vertieft, so dass ich in Höhe von Barcelona die Abfahrt in Richtung Tarragona verpasste. Ergebnis war, dass im Anschluss vier Maschinen im Formationsflug durch den Feierabendverkehr von Barcelona brummten. Schnell an den südlän-dischen Fahrstil gewöhnt und angepasst empfanden wir auf unseren Motor-rädern die Episode eher als nette Auflockerung zur eintönigen Autobahnfahrerei, denn als Stressfaktor in der Urlaubsanfahrt.

Das „Barcelona-Zwischenspiel“ soll aber später noch eine Rolle spielen.

Die zwei Wochen Urlaub vergingen wie im Flug und wir hatten wirklich einen schönen Aufenthalt. Es näherte sich unser Urlaubsende und die Heimreise, welche wir wieder in einer 2-Tagesetappe angehen wollten. Jetzt nahm das Drama seinen unverhofften Verlauf.

Wie fast immer, wenn mehr als zwei Motorradfahrer bei einer Tour zusammen sind, ist auch eine „Schlafmütze“ dabei. Alle haben die Maschinen getankt, bis auf EINEN und der bleibt auf dem Weg zur Tankstelle auch noch wegen Spritmangel liegen. Ergo, der Schreiber dieser Zeilen hilft aus, was im konkreten Fall heißt eine Plastikflasche mit etwas Benzin gefüllt und an den „ungewollten Parkplatz“ verbracht. Da ich sicher gehen wollte, dass jetzt auch wirklich alles klappt fuhr ich noch mit zur Tankstelle, die an der vielbefahrenen Nationalstraße in Richtung Alicante lag und positionierte mich etwas versetzt vor unsere „Schlafmütze“.

Wie bereits erwähnt „vielbefahren“ und einem Hupkonzert in Spanien schenkt man auch nicht sofort die Aufmerksamkeit wie in Deutschland, weil Hupen in Spanien eher den Hinweis darstellt: „Hallo hier bin ich!“ Dieses Hupkonzert das an mein Ohr drang war aber irgendwie anders. Also Blickwendung in die Richtung des Krawalls und einen PKW ausgemacht, der quer über die Nationalstraße auf dem Weg zur Tankstelle ist.

Erster Gedanke: „WARUM fährt der Trottel jetzt ausgerechnet an die Zapfsäule an der ICH stehe? Es sind doch alle anderen frei!“

Den Gedanken noch nicht ganz zu Ende gebracht wird mir schlagartig im Bezug auf „Trottel“ klar:

„In dem Auto sitzt NIEMAND!“

Nur noch Sekundenbruchteile Zeit – der Motor ist aus, Maschine ist im Leerlauf. Also schnell mit den Füssen nach vorne „gepaddelt“ in der Manier eines Renn-rodlers am Start. Keine Chance mehr – links im Heck trifft mich der führerlose PKW und ich kippe mit meiner „schönen CBR“ um.

Das kann nur mir passieren: Umgefahren von einem herrenlosen Auto!

Resultat die rechte Verkleidungsseite und das rechte Heckteil sehen aus als ob sie Bekanntschaft mit einem Winkelschleifer gemacht haben, ausgestattet mit Schruppscheibe. Allein der Anblick reicht bereits aus mich in den „roten Bereich drehen“ zu lassen. Der weitere Werdegang trägt nicht dazu bei, dass sich mein Gemütszustand gravierend verbessert.

Der „Fahrzeughalter“ des PKW erscheint auf der „Theaterbühne“. Er war bereits auf der Suche nach seinem Auto, das er zuvor an einer Schreinerei abgestellt hatte. Abgestellt bedeutet in diesem Fall: Leerlauf, keine Handbremse angezogen und darauf gehofft das das Gesetz der Trägheit der Masse seine Karre am Platz hält. Dass sein Wagen einen Schaden verursacht hat interessiert ihn nicht wirklich, schließlich ist er ja nicht gefahren! Also Polizei hinzugerufen in der Hoffnung – die Uniformierten werden DAS jetzt schon regeln! Jetzt erscheint die Policia Municipial bzw. local (die spanische Stadtpolizei) auf unserer „Freilichtbühne“. Ich kann mich bei all meinen Reisen ins Ausland nicht erinnern noch unmotiviertere Polizisten gesehen zu haben und kann für Spanien nur hoffen, dass diese Herren eine Ausnahmeerscheinung dargestellt haben.

Da jetzt eine Unterart der babylonischen Sprachverwirrung eintritt, soll heißen plötzlich spricht oder versteht keiner der anwesenden Spanier englisch, rufen wir eine „deutsche Dolmetscherin“ herbei. Glücklicherweise war uns bei unserem zweiwöchigen Aufenthalt ihr Werbeschild mehrfach aufgefallen. Die nette Frau organisiert jetzt alles Erforderliche, sehr zum Verdruss der komplett sedierten uniformierten Laientruppe, die jetzt den Sachverhalt doch letztendlich aufnehmen muss. Allerdings ist die Geschichte für mich noch mit einem gewissen „Aufwand“ verbunden. Wir haben zwischenzeitlich Freitag Abend und die von Seiten meiner Rechtschutzversicherung erforderliche Abtrittserklärung an einen spanischen Rechtsanwalt muss notariell beglaubigt werden. Das funktioniert, Dank der Dolmetscherin, dann am folgenden Samstag.

Zwischenzeitlich haben sich unsere beiden Pärchen mit ihren Maschinen auf den Heimweg nach Deutschland gemacht. Mein Freund Peter will mich nicht alleine auf den weiten Rückweg lassen und harrt in Seelenruhe auf meine Rückkehr in unserem Urlaubsdomizil.

Der Besuch bei der spanischen Rechtsanwältin ist dann auch noch für eine Anekdote gut. Nach der Übersetzung durch „meine Dolmetscherin“ bricht die Rechtsanwältin in Gelächter aus und redet im Anschluss, sichtlich amüsiert, auf meine Übersetzerin ein. Wie sich dann herausstellt war meine Geschichte nicht allein der Grund ihrer Heiterkeit. Tags zuvor traf eine „deutscher Tourist“ aus Berlin bei ihr ein. Der PKW Fahrer hatte in Höhe Tarragona eine „Erscheinung“. In Tarragona findet wohl alljährlich eine ähnliche Veranstaltung statt wie in Pamplona und man treibt Stiere, die im Anschluss in der Arena ihren großen Auftritt haben, in Richtung der Arena. Einer der schweren vierbeinigen Jungs hatte wohl überhaupt kein Interesse an seinem finalen Auftritt in der Stierkampfarena und schlug stattdessen den Weg in Richtung Autobahn ein. Hier traf er dann auf den PKW mit der Familie aus Berlin. Der Fahrer hatte wohl Probleme das Bild, welches sich ihm darbot, zügig geistig zu erfassen. Infolge der langen Autofahrt dachte er wohl statt „weißen Elefanten“ sind es in Spanien bei Übermüdung eben „Stiere“. Das die Interpretation falsch war hatte er dann unmittelbar bei Kontakt mit den 1.000 kg Frischfleisch gemerkt, aber eben etwas zu spät. Lakonischer Kommentar meiner Rechtsanwältin:

„Ist wohl eine schlechte Zeit für deutsche Touristen momentan!“

Samstag Abend gegen 20:30 Uhr ist dann alles vollbracht und WIR verabschieden uns von der mehr als hilfsbereiten Dolmetscherin. Die Frage OB wir uns jetzt WIRKLICH noch auf den Weg machen musste ich bestätigen, weil am kommenden Montag bereits ein dringender beruflicher Termin auf mich wartete, den ich nicht verschieben konnte.

Also auf nach Deutschland. Noch kurz besprochen, dass wir irgendwo auf einer Raststätte ein Schläfchen halten, wenn uns die Müdigkeit übermannen sollte und los geht es. Da wir in die Nachtstunden hineinfuhren und deshalb nicht mit allzu vielen Geschwindigkeitskontrollen rechneten, einigen wir uns darauf „etwas über Limit“ loszufahren.

Da war doch was mit Barcelona?

Bereits ca. 500 km auf dem Buckel und die Schilder Barcelona größer werdend erinnere ich mich an den Fauxpas von der Hinfahrt. Jetzt nur nicht wieder die „Stadtrundfahrt“ machen, das hält zeitlich zu sehr auf. Da, ein Streckenabschnitt hell erleuchtet, das muss dieses Autobahnkreuz sein, also nichts wie runter, nur nicht wieder in die Stadt Barcelona rein, dann ist unser „schöner Schnitt“ dahin.

Mit 150 km/h auf der „Uhr“ geht es mit Schwung durch eine Autobahntankstelle. Der Adrenalinschub den ich bekomme hätte ausgereicht um Tutenchamun wiederzubeleben. Bei dem nächsten Tankstopp lachen wir schon wieder beide über die Szene und Peter sagt, dass die Angestellten in der Tankstelle ganz komisch geguckt haben. Wen wundert`s.

Wir „optimieren“ jetzt unseren „Parallelflug“ dergestalt, dass wechselweise einer an den Maut- oder Tankstellen stehen bleibt und bezahlt. Der andere fährt „langsamer“ weiter bis aufgeschlossen wird und dann geht es im Marschtempo weiter. Bei Lyon gönnen wir uns einen Kaffee und etwas, das entfernte Ähnlichkeit mit einem belegten Sandwich aufweist. Drei Tage zuvor hätte dieses Produkt sicherlich einen Hauch von Frische versprüht. Nach dem zweifelhaften Genuss geht es in der erprobten Manier weiter in Richtung Heimat.

Sonntag 12:45 Uhr rollen wir zu Hause in Trier ein. Immer noch aufgekratzt von der Tour und kein bisschen müde. 1.760 km in -16- Stunden. Meinen beruflichen Termin habe ich locker einhalten können. Störend war nur das „Rauschen“, welches ich ca. eine Woche auf den Ohren hatte. Mein Helm war wohl in Sachen Geräuschentwicklung nicht auf eine -16- Stunden-Tour ausgelegt.

Übrigens „mein Geld“ (das Versicherungsgutachten belief sich auf knapp über 2.000,- DM) habe ich tatsächlich noch erhalten. 1994 im Herbst war es soweit, nachdem die gegnerische Versicherung sämtliche Instanzen bestritten hatte und überall negativ beschieden wurde.

Zu diesem Zeitpunkt war die CBR lange „Geschichte“ und selbst ihre Nach-folgerin aus Nippon, eine „750er Suzie“ hatte bereits einen neuen Besitzer.

Die Moral von der Geschichte: Hüte Dich vor „herrenlosen Autos“ und warte an der Tankstelle mit „laufendem Motor und eingelegtem Gang“.

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