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Welcher Film oder Filmtitel würde unserem heutigen „Hauptdarsteller“ eigentlich gerecht werden?

Schwer zu sagen, denn im Zeitfenster seines Lebens flimmerte so einiges über die Leinwände, was sicherlich passen könnte. Hört man die Stimme ist man an Lee Marvin und sein „Wandering Star“ erinnert. Das könnte jetzt passen der „unstete Stern“ der immer noch auf Wanderschaft ist. Die Wanderschaft die ihn immer noch auf die Rennstrecken Europas führt.

Unser „Wandering Star“ wird am 23. September 2015 90 Jahre alt. Bei diesem Alter denkt der „unwissende Leser“ an Pflegestufe und/oder seniorengerechtes Wohnen. Ich schaue auf mein „Gegenüber“ und das will jetzt Alles nicht zusammen passen. DER Mann wird 90 Jahre alt? Da hat jemand im Vorgriff schlecht recherchiert.

Richtig recherchiert Leute und hier könnt ihr sehen, dass Motorradfahren und ALLES Drumherum jung und vital hält. So vital, dass der „junge Mann“ mir gegenüber auch mit seinen jetzt fast 90 Lenzen immer noch seine BMW GS, die Richard Schalber feingetunt hat, durch die Kasseler Berge treibt.

Jochen „the Voice“ Luck sitzt mir gegenüber und ich will die Gelegenheit nutzen hier, im schönen Ambiente des Hotels „Alte Mühle“ in Chemnitz, unweit des Sachsenrings und dem diesjährigen Großen Preis von Deutschland, einige Fragen an den legendären Streckensprecher zu stellen:

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Herr Luck, wenn meine Nachforschungen stimmen, dann haben Sie in ihrer Zeit als Streckensprecher zwischen 1949 und 1987 ca. 500 Veranstaltungen moderiert und kommentiert. Davon -36- Motorrad-GP`s und -21- Formel 1 Rennen. Ihr Debüt gaben sie meines Wissens beim ersten Kasseler Sandbahn-rennen 1949 im Auestadion. Da waren Sie aber auch noch selbst als Fahrer aktiv. Ich frage jetzt nicht danach wer für Sie der beste Fahrer in all diesen Jahren gewesen ist, weil dies sicherlich nicht so leicht zu beantworten wäre. Schließlich hat jede Zeit ihre „Helden“ und das Material und die Konkurrenten sind oftmals nicht vergleichbar. Die Frage geht in eine andere Richtung: WER hat SIE menschlich am meisten beeindruckt in all der Zeit?

Jochen Luck nimmt sich etwas Zeit mit der Antwort. Da sind einige in der Erinnerung, die jetzt wahrscheinlich einen Platz oder eine Erwähnung verdient hätten. Aber dann sprudelt es heraus und es sind auch Namen dabei, die man nicht erwartet hätte.

J.L.: Bei den Autos wären da der Graf Berghe von Trips zu erwähnen und Jochen Maas. Bei den Motorrädern natürlich der Toni Mang, Dieter Braun, der Gustav Reiner und Luigi Taveri.

Der Graf Berghe von Trips war natürlich in der Öffentlichkeit der „Herrenfahrer“ mit seinem Adelstitel, aber in natura hatte der Mann keinerlei Allüren und war sehr menschlich. Humorvoll war er auch der Berghe von Trips. Der tauchte zum Interview auch mal mit einer Pudelmütze auf dem Kopf auf.

Der Jochen Maas war auch ein feiner Kerl. Der konnte nicht nur fahren, sondern hatte auch Ahnung von der Technik und wie man sie in Erfolg umsetzt. UND er hatte die Gabe diese Dinge auch erklären zu können. Er hat mir oft in Gesprächen die aktuelle Technik der Fahrzeuge dargelegt.

Bei den Motorradfahrern hat mich wirklich der Dieter Braun beeindruckt. Der war Profirennfahrer von Beruf und in Berufung. Der Dieter Braun ist sehr häufig auch an den Start gegangen obwohl er verletzt war und ohne Rücksicht auf seine Gesundheit. Er musste ja irgendwie auch Geld nach Hause bringen.

Der Gustav Reiner war einfach ein sympathischer Typ mit einer gesunden Brise Humor. Meine Frau ist ja mit ihren Karteikarten immer durchs Fahrerlager marschiert und hat die persönlichen Daten, sowie Hobbys, Beruf usw. der Fahrer aufgeschrieben. Der Gustav Reiner hat dann als Beruf angegeben „Grabsteinsetzer“.

Der Luigi Taveri ist auch ein ganz feiner Mensch und hat den Schalk im Nacken. Am Hockenheimring hatte er mit seinen Mechanikern einmal seine Werkshonda mit den üblichen Gasstößen warmlaufen lassen. Da kam ein Journalist der Heilbronner Nachrichten rein und der hatte gar keine Ahnung von Motorsport. Auf seine Frage: Warum machen Sie das denn, hatte der Luigi Taveri in seinem Schweitzerdeutsch geantwortet: „Wir schlagen das Benzin schaumig. Wir brauchen Schaum, jede Menge Schaum!“

Der Toni Mang war schlichtweg gesagt ein „Typ“. Nicht so der „Kumpel“ aber das was man als Typ bezeichnet.

Herr Luck, auch in der Formel 1 waren Sie als Streckensprecher aktiv und können Vergleiche zur Rennszene im Motorradbereich ziehen. Wenn man aktuell die Formel 1 betrachtet, dann hat man als „neutraler Zuschauer“ das Gefühl, dass die Fahrzeuge die „Gewinner“ machen und nicht die Fahrer. Wie sieht aus Ihrer Sicht der Vergleich in der Grand Prix Szene der Motorräder aus? Sind die Fahrer hier der entscheidende Faktor im Bezug auf Podestplatz oder geschlagenes Feld oder ist es die Maschine?

J. L.: Wenn man die Geschichte gegenüberstellt, sagen wir einmal Fangio 1957 auf Maserati und 2015 einen Rosberg auf Mercedes, dann sieht man klar den Wandel in der Formel 1. Der Fangio, der hatte keinen Funk an Bord und kaum Technik am und im Fahrzeug. DAS war eine Fahrer-Weltmeisterschaft. Heute ist das eine Team-WM und der Fahrer in der Formel 1 ist nur ein Teil des Ganzen aber nicht entscheidend. Der Fahrer bekommt von seinem Team und dem Teamchef auch in Sachen Renntaktik so gut wie Alles vorgeschrieben.

Bei der Motorradweltmeisterschaft gibt es zum Glück noch keinen Funk zwischen Team und Fahrer. Die Maschine hat zwar Transponder an Bord und der Chefmechaniker kann seinem Fahrer detailgetreu sein „Fehlverhalten“ aufzeigen. In der Art: Vor Kurve 2 hast Du 5 Meter zu früh gebremst und das Gas am Kurvenausgang nur zu 80 % aufgezogen, aber alle elektronische Aufzeichnung ändert nichts daran, dass hier auf der Strecke der Fahrer entscheidend ist. Bei der Motorrad-WM ist der Fahrer der Weltmeister. 

In den 60er Jahren soll Mike „the Bike“ Hailwood einmal auf die Frage eines Journalisten im Bezug auf seine Reifen am Rennmotorrad gesagt haben: „Sie waren schwarz und rund!“ Ist der heutige Aufwand in der Rennszene aus ihrer Sicht zu groß – mit unterschiedlichem Aufbau der Pneus, sogar an den Reifenflanken links und rechts, je nach Layout der Rennstrecke?

J. L.: Stellen sie hier einmal die Zeiten gegenüber. Ich kann mich erinnern, dass der Geoff Duke auf seiner 500er Gilera am Nürburgring gewonnen hat. 200 km war die Gesamtdistanz und er hatte eine Zeit von 1 Stunde und 34 Minuten. Alles mit einem Reifen und einer Tankfüllung.

Heute stehen bei der Moto GP etwa 25 Fahrer am Start und jeder hat noch eine zweite Maschine in der Box stehen. Der aktuelle Reifenhersteller und Lieferant der Moto GP hat für DIE 2.000 Reifen an den Rennwochenenden parat stehen!

Was für ein Aufwand! ABER ohne diesen Aufwand und diese Entwicklung würden WIR auch keine 60 ° Schräglage sehen.

Herr Luck, Sie waren bereits in jungen Jahren ein exzellenter Eishockeyspieler. Wenn ich korrekt informiert bin, dann steht bei Ihnen ein A-Länderspiel der Junioren gegen Italien in Cortina d`Ampezzo zu Buche. Dann haben wir da noch ihre „ewige Passion“ das Motorrad. Wenn der Krieg Ihnen nicht ein Schnippchen geschlagen hätte, wie hätte ihre sportliche Wunschkarriere ausgesehen: Jochen Luck der Eishockey-nationalspieler oder Jochen Luck auf den Spuren von Schorsch Meyer?

J. L.: Ich denke wohl Eishockeyspieler. Aber so etwas wie eine Profikarriere im Sport war zu dieser Zeit undenkbar. Ich hatte zum Offiziersnachwuchs gezählt und war dort in der Sportförderung. Mein Vater wurde dann nach Prag versetzt und dort war an der Moldau das Eisstadion. Da begann eigentlich so richtig mein Weg zum Eishockey. Der dortige Cheftrainer war Professor an der Universität und hat mich dann in die Jugendnational-mannschaft gebracht. Das Problem war dann, dass bereits Krieg war. Die „einzige Mannschaft“ die noch gegen uns Deutsche gespielt hat war dann „unser Verbündeter“ Italien. Geplant oder angedacht war von mir eher die weitere berufliche Richtung als Sportoffizier. Also dann in dem Bereich der Sportausbildung der Rekruten, aber an eine Profikarriere heutiger Prägung war damals gar nicht zu denken.

Im Grunde genommen war das für einen jungen Mann in dieser Zeit wie ein Traum. Ich durfte als 15-Jähriger den Segelflugschein machen und hatte mit 16 Jahren meinen Motorradführerschein in der Tasche. Und der galt für alle Maschinen.

Herr Luck, Sie waren am Nürburgring 1976 bei dem schicksalhaften Formel 1 Rennen der Streckensprecher, als Niki Lauda so schwer verunglückte. Wie überrascht waren Sie, als Sie anlässlich der Hollywoodverfilmung des „Stoffes“(Rush – Alles für den Sieg mit Daniel Brühl als Niki Lauda und Chris Hemsworth als James Hunt) unter der Regie des Oscar-Preisträgers Ron Howard gebeten wurden, den Original-Kommentar nochmals für den Film aufzunehmen?

J. L.: Ich fühlte mich natürlich geehrt. Im Tonstudio hatte ich dann den kompletten Kommentar zum Rennen nochmals aufgenommen, beginnend mit der Begrüßung: Willkommen am Nürburgring usw. Das Übliche eben. Irgendwie hatte das dann am Ende dem Regisseur doch nicht so richtig gefallen und es blieb nur noch die Begrüßung übrig. Den Rest hatte dann der Helmut Zwickl (Anmerkung: freier Motorsportjournalist) gesprochen.

Bei einem anderen Film hatte ich aber den kompletten Part des „Streckensprechers“ übernehmen dürfen. Das war bei dem berühmten Rennfilm von Steve Mc Queen „Le Mans“ im Jahr 1970. Die Idee hinter „meinem Kommentar“ war die, dass die deutschsprachigen Kinobesucher die „Stimme“ hören sollten, die sie vom 1.000 km Rennen in Deutschland her kennen. Das war ein toller Film von dem Mc Queen. Der Mann hatte das bis in die Details klasse gemacht. Das ging ja in dem Film um die Konkurrenz zwischen Porsche und Ferrari in dem Rennen. Der Steve Mc Queen hatte da z. B. Schauspieler gefunden, die sahen dem Teamchef von GULF Porsche, dem John Wyer, und dem damaligen Teamchef von Ferrari Mauro Forghieri wirklich zum Verwechseln ähnlich. Der Mc Queen hatte ja auch nicht die tollen Kameras, die heutzutage auf den Moto GP Maschinen montiert sind, zur Verfügung. Die sind ja so klein, wie ein Kugelschreiber. Der Steve Mc Queen hatte bei den Rennaufnahmen Riesenkameras auf den Rennwagen montiert, die dann die Aufnahmen machten. Das war ein Wahnsinnsaufwand.

Herr Luck, gemeinhin sagt man gerne, dass zu jedem starken Mann auch eine starke Frau gehört! Wenn man Sie und ihre Frau Hildegard hier an der Strecke beobachtet und auch alte Fotoaufnahmen von Ihnen beiden sieht, dann hat man das Gefühl, dass dieser „Spruch“ selten besser auf jemanden gepasst hat. Das ALLES wirkt auf den neutralen Betrachter nicht nur wie ein Ehepaar, sondern auch wie ein richtig gut aufeinander eingespieltes Team. Wäre der „Streckensprecher Jochen Luck“ in der Form wie wir Ihn kennen auch OHNE das Team Jochen UND Hildegard Luck vorstellbar gewesen?

J. L.: Ohne meine Frau? Undenkbar! Ohne meine Frau hätte es den Streckensprecher Jochen Luck nicht gegeben. Da hatte ich ganz schön Glück. Sie war es doch die durchs Fahrerlager gelaufen ist und die „Karteikarten“ ausgefüllt hat, bzw. hat ausfüllen lassen. Da stand dann alles Wissenswerte drauf, was in meine Kommentare mit eingeflossen ist.

Meine Frau war ja eher künstlerisch und musisch orientiert. Sie spricht auch ganz gut italienisch.

Da habe ich noch eine schöne Geschichte. Meine Frau ist beim Großen Preis von Deutschland 1957 am Nürburgring auf ihrer obligatorischen Runde in der Box von Fangio bei Maserati gewesen. Da ging dann plötzlich das Rolltor hinunter und der Rennleiter von Maserati gab seine Instruktionen ans Team und den Fahrer. Meine Frau in der hinteren Ecke der Box, aber es wusste ja niemand, dass Sie gut italienisch kann. Also geht der Rennleiter ins „Eingemachte“ und erklärt, dass Sie (Maserati) über die Renndistanz Probleme mit den Reifen haben. Das Fahrzeug war vollgetankt einfach zu schwer. Also wurde die Strategie festgelegt: Tank nur zur Hälfte füllen und dann beizeiten einen Tankstopp einlegen. Meine Frau gab mir jetzt natürlich diese Information weiter und nach der 10. oder 11. Runde, als Fangio bereits 40 Sekunden Vorsprung hatte ließ ich den Kommentar ab: „Fangio mit seinem Maserati hat jetzt 40 Sekunden Vorsprung vor seinem Verfolger. Die braucht er aber auch, weil er bald zu einem Tankstopp an die Box kommen muss!“

Kaum ausgesprochen rief mich komplett aufgelöst der Pressechef eines großen Automobilclubs übers Telefon an:

„Was erzählen Sie denn da für einen Mist. Warum sollte der denn an die Box kommen müssen? Wie kann man denn so etwas bringen?“

Ich hatte ihm dann nur erwidert, dass ich unmittelbar die Sprecherkabine „für IHN“ räumen würde und er weitermachen kann, wenn ich im Unrecht wäre. In der nächsten Runde kam Fangio an die Box gefahren. Der besagte Pressechef hatte sich sogar noch an dem Abend bei mir für seinen „Auftritt“ entschuldigt.

Urlaub fand bei UNS dann immer im November statt. Da war die Rennsaison gelaufen und WIR konnten gemeinsam schöne Reisen auch in Übersee antreten.

Ich habe Glück gehabt mit meiner Frau und wir sind wirklich ein gutes Team.

Wie war das noch zu Beginn? Welcher Film oder welcher Filmtitel würde unserem heutigen „Hauptdarsteller“ gerecht werden? Natürlich ein Film über Rennsport – was denn auch sonst! Und wenn er nicht der Hauptdarsteller, sondern der Regisseur wäre, dann gäbe es eine mehrteilige Serie, denn ein Film wird seinem Wissen und der Szenekenntnis nicht gerecht. So was in der Art:

Jochen Luck – ein Leben im Renntempo!

Helfer bitte Startplatz räumen, denn DIE braucht der Mann nicht.

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Flying Haggis wünscht unserem Jubilaren bereits heute alles Gute zum 90. Geburtstag! Auf das noch viele folgen mögen. Die nächste „0“ feiern wir auf einer Norton Manx mit der Start-Nr. 100!

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