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Irgendwie lebt unser „Motorradfahrerleben“ doch auch von seinen Originalen. Zumindest für meine „Vergangenheit“ hatten diese „Typen“ immer eine gewisse Rolle gespielt, weil allein ihr Auftritt bereits für Erheiterung beim Rest der „Gemeinde“ sorgte.

Zwei dieser „Spezialisten“ aus diesem erweiterten „Bekanntenkreis“ hörten eigentlich auf den „Rufnamen Peter“. Allerdings nutzte niemand aus der Szene diese „Ausführung“ aus den Geburtsurkunden und Ausweispapieren. Den Ureinwohnern der Vereinigten Staaten nicht unähnlich waren diese beiden mit entsprechenden „Ergänzungen“ versehen, die ihren „Allerweltvornamen“ zu einem absoluten Unikat machten.

Da war zum einen im Bereich Trier unser „Kippen-Pit“. Unbedarfte Leser könnten jetzt zunächst assoziieren, dass dieser „Kriegsname“ von einem etwas maßlosen Konsum von Tabakwaren herrühren könnte. Dem ist nicht so – die „Namensdeutung“ ist doch etwas komplexer. Unser „Kippen-Pit“ war lange Zeit im Besitz einer Mülldeponie in der Nähe von Trier, bevor diese dann ins kommunale Eigentum wechselte. Mülldeponie = Müllkippe ergo, da Müllkippen-Pit zu lang → „Kippen-Pit“.

Unser „Kippen-Pit“ war im Großraum Trier mit seiner „BMW R 90 S“ unterwegs. Die 90 S war das Spitzenprodukt der Strich 6er Baureihe und im Grunde genommen mit ihren 67 PS der „Urahne“ der „bayerischen Superbikes“. Natürlich in dem berühmten „Daytona-Orange“.

Ich habe in all den Jahren unseren „Kippen-Pit“ niemals in einem den „Sicherheitsansprüchen“ konformen Motorraddress gesehen. Im Sommer begegnete er einem im „Stadtbetrieb“ meistens mit offenem, kurzärmligem Hemd und Shorts. Seinen Jethelm hatte er ebenfalls so gut wie nie mit dem Kinnriemen geschlossen, weil dies „im Stadtbetrieb“ seiner Meinung nach überflüssig war.

„Ich fall´ doch nitt auf die Fress`!“

Gekannt (zumindest vom Sehen) hatte IHN im Großraum Trier so ziemlich JEDER/JEDE. Das lag auch an seinem unverkennbaren Erscheinungsbild. Langer graumelierter Bart – es sah auf den ersten Blick aus, als ob der bekannteste Sohn der Stadt Trier, Karl Marx, auf einer BMW R 90 S unterwegs ist. Der Ur-Trierer an sich ist etwas rustikal im verbalen Umgang miteinander, was bei dem einen oder anderen Gast unserer Stadt auf Unverständnis stößt oder zumindest zu ungläubigem Kopfschütteln führen kann.

So kam es mehr als einmal vor, dass unser „Kippen-Pit“ an einem unserer „Sommer-Treffs“ mit seiner Gummikuh erschien und uns mit breitem Grinsen fröhlich mit

„Tach ihr Arschlöcher!“

begrüßte. Dies war keineswegs despektierlich oder in irgendeiner Form als Beleidigung für die Anwesenden zu werten. Es war eher eine „moselfränkische Zusammenfassung“ für: Hallo Jungs, wie geht es Euch? Insofern erntete unser „Kippen-Pit“ auch meistens Gelächter oder die mehrstimmige Info: „Alles klar Pit!“ Dies führte dann meistenteils zu noch mehr befremdlichem Kopfschütteln bei „auswärtigen Fremdlingen“.

Originale gibt oder gab es aber nicht nur in Trier. Eine lange Zeit trieb sich der Schreiber dieser Zeilen auch im Großraum Köln / Bonn herum. Der absolute Motorrad-Szene-Treff war dort immer der „Köln-Bonner-Verteiler“. Für nicht Ortskundige – das war der Verteilerkreis den man am Ende der A 555 befuhr um über den Militärring in Köln „einzufallen“. Hier war nicht nur eine „Tanke“, sondern auch immer eine Gaststätte mit wechselnden Besitzern und der Möglichkeit der „kundigen Menge“ vor Ort die Maschinen zu präsentieren.

Allein schon die „Köllsche Mundart“ war bei mir immer für ein Schmunzeln gut. Selbst reine Sachvorträge erreichten bei diesem Dialekt bereits den Status einer exzellenten Büttenrede im Karneval. Hier traf sich also ALLES aus dem Großraum in und um Köln um „Benzingespräche“ zu halten ODER aber schnell noch gemeinsam und immer wieder in unterschiedlicher Zusammensetzung, die ein oder andere „zügige“ abendliche Tour in Angriff zu nehmen. Das ging vom „Bergischen“ über das Siebengebirge und den Rhein bis hin zum „Ring“.

Und hier war dann unser „anderer Peter“. Bei seinem erstmaligen Erscheinen bei einer meiner ersten Touren zum „Verteiler“ rieb ich mir etwas verstört die Augen ob des merkwürdigen Anblicks. Da tauchte EINER mit seinem Motorrad und „Lederkluft“ auf und hatte über die Lederhose eine „RADFAHRHOSE“ gezogen. Auf Nachfrage bei meinen Bekannten wer oder was DAS denn sei kam die Antwort

„Eiih, datt iss däh Prostata-Pitter!“

Die Antwort ließ keinerlei weitere Nachfrage zu, weil SIE in einem derartigen Tonfall erfolgte, als ob man gerade nach dem Namen der „komischen Kirche“ weit im Hintergrund gefragt hätte.

„Prostata-Pitter“ zelebrierte seine „Auftritte“. Ob er dabei wirklich an besagtem „körperlichen Gebrechen“ litt, welches er jedem/jeder erzählte OB man es hören wollte oder nicht, blieb im „Dunkel der Geschichte und Geschichtchen“ verborgen. Denn ob die Radfahrhose tatsächlich einen positiven Beitrag zu seiner „angeschlagenen Vorsteherdrüse“ beitragen konnte wage ich eher zu bezweifeln. Aber – der Glaube versetzt bekanntlich Berge.

Meistens begannen die Geschichten mit der Einleitung

„Hür ens Jung“

und dann erfolgte der „Sachvortrag“ warum und weshalb er z. B. diese „Botz“ über seine Lederhose gezogen hat.

Das sicherlich einige seiner Anekdoten dem Bereich „Märchen und Heldensagen“ zuzuordnen sind ist dabei im Grunde genommen zu vernachlässigen. Alles war irgendwie hörenswert und seine Zuhörerschaft hatte Tränen vor Lachen in den Augen. Es war die Kölsche Motorradfahrervariante der Geschichten aus 1.000 und einer Nacht mit Prinzessin Sheherazade. Nur statt der schönen Prinzessin eben mit „Prostata-Pitter“ und seiner Radfahrhose – also „etwas“ weniger Romantik und stattdessen „rustikales Volkstheater“.

„Prostata-Pitter“ fuhr eine Honda VF 1100 C. Richtig Leute, wir bewegen uns in grauer Vorzeit, den 80ern, als die Japaner noch dachten einen Chopper kreiert man indem einfach ein höherer Lenker und eine abgestufte Sitzbank auf eine Straßenmaschine montiert wird. Diese 1100er C hatte einen Motor im Rahmen stecken, der in seinen Ursprüngen aus einem „Sportler“ kam und seine Gene auch nicht verleugnen konnte. Also von choppermäßiger Fortbewegung wollte der Motor eigentlich nichts wissen.

Eines Abends erschien unser „Pitter“ komplett aufgelöst am Verteiler. Mit gehetztem Blick stieg er von seiner Honda und kam zu uns gestapft, immer wieder in die Richtung seiner „Anfahrt“ blickend. Also war natürlich eine mitfühlende Frage auf Grund der Szenerie logisch:

„Pitter, watt iss. Hast`e Harndrang?“

Nach erneutem „subversivem“ Blick nach hinten folgte die Antwort:

„Hür ens Jungs. De Schmier hat hinnen am Ring en Radarkontroll` gemäht. Wenn die kommen. Ich sinn` en halwe Stunn schon do!“

Merkliches Gemurmel in der Gruppe und dann die nächste Frage:

„Ja Pitter. Hann` se dich dann überhaupt geknipst?“

Jetzt richtet sich unser „Prostata-Pitter“ zur vollen Größe auf und antwortet triumphierend:

„Jo. Awer ich hann` enn Wheelie gemäht. Die hann` höchstens de Ölwann` und de Krümmer druff!“

Tosendes Gelächter am Platze. Das Problem an seinen „Geschichtchen“ war einfach, dass ER durchaus für den ein oder anderen „Kracher dieser Art“ gut gewesen war und man nie richtig abschätzen konnte – wann hat unser „Prostata-Pitter“ tatsächlich die Wahrheit gesagt und wann ist IHM bei seinen Erzählungen die Phantasie etwas zu sehr durchgegangen.

Kurzweilig war jeder Abend mit ihm und ich möchte die Momente nicht missen.

Wie sehen „eure Originale“ aus und WO habt ihr sie kennengelernt?

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